Brot so backen, dass es lacht!

AI in einer Bäckerei. Die nächste Episode. Das erste Treffen mit der Planungsgruppe steht auf dem Programm.

Ich betrete den Raum. Der Geschäftsführer ist noch nicht anwesend. Sofort werde ich in Beschlag genommen.

“Also wirklich, Herr Splitt. Ich muss schon sagen. Ich habe mir das beim letzten Mal schon etwas anders vorgestellt”, beginnt eine Verkäuferin. “Ich dachte, wir reden jetzt mal ehrlich, woran es denn liegt…”.” Ja, genau!”, kommt es aus dem Raum zu mir herüber. “O je”, denke ich und frage mich, wie das Treffen wohl werden wird. Inzwischen ist der Geschäftsführer auch anwesend.

Kaum beginne ich mit der Moderation, prasselt ein Platzregen aus Vorschlägen, Fragen, Hinweisen und Meinungen auf mich nieder. Als es sich ausgeregnet hat, erkläre ich noch mal den Prozess und dass die Fragen, Ängste und Bedürfnisse ganz sicher Gehör finden werden.

Eine erregte Debatte darüber entsteht, wie die Bäcker gefälligst das Brot zu backen haben. “Nämlich so,”, sagt eine Verkäuferin, “dass es lacht”. Aha!

Ich lasse die Dynamik zu und beobachte eine Weile das Geschehen. Schließlich stehe ich auf. Alle schauen zu mir herüber. Ich sage: “Ich werde jetzt gehen. Wenn Sie soweit sind, finden sie mich im Büro. Sie brauchen wahrscheinlich noch etwas Zeit, bis sie ihre Anliegen ausgetauscht haben.”

Schweigen.

“Nein bleiben Sie gleich da. Unsere Zeit ist ja begrenzt.” Eine gute Einsicht, wie ich finde. Nun kann ich noch mal erklären, dass dies der Prozess der Mitarbeiter ist. Dass es großartig ist, dass die Planungsgruppe sich die Zeit nimmt und bereit ist, Kraft zu investieren. Ich lege erneut meine Rolle als Moderator dar und frage, wie die Gruppe nun weitergehen will. Ein Bäcker ergreift das Wort und wirbt dafür, sich auf den Prozess einzulassen und erstmal zu schauen, was in dem Treffen so alles zur Sprache kommt. Eine Verkäuferin pflichtet ihm bei. Langsam kehrt Ruhe ein. Ich schmunzel und versichere den Anwesenden, dass ich ihr Engagement und ihre Energie sehr schätze.

Es passiert oft, dass Missstände und Anliegen mit “es” beschrieben werden. Warum geht “es” denn nicht weiter, warum bekommen wir “es” nicht hin…. Jetzt muss mal ehrlich alles auf den Tisch… usw. Durch das Externalisieren wird deutlich: Hier passiert etwas, was ich nicht ganz greifen kann. Vielleicht hat es auch mit mir zu tun. Das könnte eventuell unangenehm für mich werden. Am besten ist es, wenn “es” schuld ist. Auf der anderen Seite der Appell, dass jetzt “mal ehrlich alles auf den Tisch muss.” Auch hier letztlich das Bedürfnis, den Schuldigen oder das Schuldige zu finden. Dann hat man, im besten Fall, einen gemeinsamen Feind, gegen den man vorgehen kann.

Es ist scheinbar leichter, alle defizitären Punkte zu sammeln. Dann weiß man, was alles nicht läuft und kann, so die Vorstellung, alles der Reihe nach abarbeiten bzw. dagegen kämpfen. Diese Dynamik wollte sich auch hier erneut einschleichen. Immer wieder ist es daher notwendig, die Haltung und die Sichtweise von AI zu erklären und an der realen Situation zu verdeutlichen.

Schließlich habe ich das Gefühl, dass die Haltung von AI, bewusst auf die belebenden Faktoren zu schauen, nun eine Verstehensbene tiefer gerutscht ist. Nun geht es darum, die Interviews auszuwerten und sowohl die belebenden Faktoren, wie auch die Wünsche (die positive Formulierung von Bedürfnissen, Defiziten und Missständen) heraus zu filtern und zu sortieren. Schnell bilden sich zwei Gruppen und die Arbeit beginnt.

Auswertung der Basisinterviews durch die Planungsgruppe

Auswertung der Basisinterviews durch die Planungsgruppe.

Die belebenden Faktoren werden sortiert. Ebenso die Wünsche. Bei der Arbeit an den Wünschen kann ich nicht mehr teilnehmen. Ich muss auf meinen Zug. “Hätten wir doch gleich zugehört…”, fängt eine Verkäuferin an. “Wie schon gesagt, dies ist Ihr Prozess. Ich begleite Sie darin. Den letzten Teil schaffen sie bestimmt sehr gut ohne meine Anwesenheit. Sie wissen ja jetzt ,wie es geht.”, gebe ich zur Antwort. “Stimmt schon,” sagt eine Bäckerin. Wir vereinbaren noch das weitere Vorgehen. Damit verabschiede ich mich und eile zu meinem Zug.

Wenn aus Betroffenen Beteiligte geworden sind, ist es wichtig, dass diese auch spüren, dass sie realen Einfluss auf den Prozess haben. Im positiven wie im negativen. Anhand des oben beschriebenen, lässt sich diese Dynamik gut darstellen. Wachsendes Bewusstsein über die realen Möglichkeiten der Gestaltung fördert das Verständnis von (Selbst)Verantwortung und diese soll ja gefördert werden. In diesem Fall geht es darum zu verstehen, dass die eigenen Interessen der einzelnen Beteiligten nicht in einem Kampf gegeneinander stehen, sondern die den Interessen innewohnende Energie zur Entwicklung des Unternehmens genutzt werden können. Das geschieht, wenn ein Weg gefunden wird, wie jeder seine Interessen einbringen kann. Es geht also um Dialog, Lernen, Hören und gemeinsames gestalten. Der AI-Prozess liefert dafür den Rahmen.

marcussplitt

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