Vorletzte Woche waren mein niederländischer Kollege Joseph Kessels und ich zu einer Führungskräfteklausur eines strikt hierarchisch organisierten Unternehmens eingeladen. Man versprach sich von uns Impulse zu innovativen Formen des sich Organisierens. Gleichzeitig hatte man ein wenig Sorge, wir könnten eine anarchistische Revolution auslösen. Der brand eins Artikel über uns ließe so etwas vermuten. Schließlich sind wir “eine Unternehmensberatung, die für die Abschaffung von Management und Hierarchien” (Zitat brand eins) steht. Die erste Frage einer Führungskraft war verständlich wie konsequent: „Mal im Ernst. Wie soll hierarchieloses Arbeiten Ihrer Meinung nach in einer großen Firma wie unserer funktionieren?“
Hierzu Joseph Kessels:
„Ich bin überrascht, dass der Fokus auf diesen Äußerlichkeiten liegt. Für mich geht es darum, wie wir als Wissensarbeiter eine gute Arbeitsumgebung gestalten können. Menschen benötigen Freiräume für ihre Kreativität und die Möglichkeit, auf Augenhöhe mit zu entscheiden. Besonders junge Menschen haben kein Interesse mehr daran, Gehorsam zu üben. Macht, Arroganz und Ignoranz sind nicht mehr attraktiv für sie. Deshalb ist es eine wirtschaftliche Notwendigkeit, dass wir in Zeiten der Wissensöknomie, Arbeit nicht mehr wie Fabrikarbeit organisieren.”
Und weiter:
“Ich mache mich für eine Arbeitsumwelt stark, in der es Raum für gegenseitigen Respekt und Wertschätzung, Anerkennung fachlicher Qualifikationen und den Aufbau starker Persönlichkeiten und ihrer Beziehungen gibt. Es ist eine logische Konsequenz, dass sich diese Haltung auf die wirtschaftlichen Ergebnisse auswirken wird.”
Wie geht das in der Praxis?
Einer, der den Gedanken der Demokratisierung am Arbeitsplatz konsequent durchzieht, ist Ricardo Semler. Der Österreicher hat sein Unternehmen Semco in Sao Paulo vor 25 Jahren zur hierarchiefreien Zone erklärt. Seitdem ist der Umsatz von 4 Millionen auf 1 Milliarde US-Dollar und die Mitarbeiterzahl von 90 auf 5.000 gestiegen.
Einige seiner Prinzipien sind:
- Mitarbeiter bestimmen ihr Gehalt und ihre Ziele selbst.
- Neue Kollegen werden von verschiedenen Mitarbeitern interviewt, bevor sie eingestellt werden.
- Mitarbeiter wählen ihre Führungskräfte aus.
- Es gibt keine festen Arbeitsplätze. Jeder soll die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, wann sein Tag beginnt.
Semler ist Autor einiger Bestseller, wie z.B. The Seven Day Weekend oder Das Semco System, die ich hier in Kürze vorstellen werde.
Bei soviel Nähe zueinander ist es wohl auch kein Wunder, dass Joseph Kessels das Vorwort zu einem von Semcos Büchern verfasst hat, als es in den Niederlanden erschien.
Maren Hessler
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Schöner Beitrag.
Semler ist übrigens Brasilianer, nicht Österreicher. Kleiner Unterschied!
Zum Thema Hierarchie und Hierarchieverzicht: Hierarchie ist etwas Natürliches, es gibt auch streng genommen keine hierarchieFREIE Organisationen, weil Hierarchie in Unternehmen immer existiert (irgendeiner ist formell Chef usw.). Das ist unvermeidbar. Und auch nicht problematisch. Problematisch ist nur, wenn aus dieser formellen Struktur heraus Arbeit und Wertschöpfung zu betreiben. Dazu ist sie nämlich nicht geeignet. Dafür braucht es die informelle Struktur - und die braucht keine hierarchische Macht, sondern unterwirft sich der Macht der Marktes. Denn Markt (das was außen ist) vermag Organisationen steuern”, durch den Zug, den er ausübt. Dies ist die wirklich relevante “Macht” für Leistung und Wertschöpfung - und man sollte es tunlichst vermeiden, hierarchische Macht in den Weg des Marktzugs zu stellen. Genau das aber machen natürlich traditionelle, tayloristische command-and-control-Organisationen. Und da liegt auch das Problem der Hierarchie.
Ups, na das war ja ein Exkurs…
Freue mich auf mehr auf diesem Blog!